von Angelika Beck

In Deutschland gibt es über 40% Singlehaushalte, in Großstädten sogar rund 50 % . Das bedeutet, jeder zweite Mensch ist davon betroffen und dennoch taucht dieses Thema kaum im öffentlichen Diskurs auf?


Wie kann das sein?


In Facebook, Telegram, Twitter und wie sie alle heißen, sind wir ständig mit unendlich vielen Personen vernetzt. Wir haben das Fenster zur Welt quasi Tag und Nacht geöffnet, sind 24/7 erreichbar und unterliegen dadurch der Täuschung, wir hätten ganz viele tolle Kontakte. Wir seien in einem Verbund, einem Netzwerk von vielen Menschen, dabei würde einmal ein Blick hinter die Kulissen bzw. auf die Qualität dieser Beziehungen lohnen.


Wie oberflächlich sind diese?


Nur auf Zeit und temporäre Lebensabschnitte ausgelegt? Jetzt hab ich ein Problem mit meinem Chef, dann geh ich in eine entsprechende Gruppe, tausche mich aus, und ziehe weiter meiner Wege.


Das sind keine Beziehungen, sondern Interessengemeinschaften auf Zeit!


Das ist, was uns heute vorgaukelt, mit sehr vielen Menschen in Kontakt zu stehen. Wenn ich in einer Firma im Telefonservice arbeite, dann habe ich auch mit vielen Menschen täglich Kontakt, aber zu denen habe ich keine Beziehung. Das bedeutet, wer wäre wirklich für mich da, wenn ich heute Nacht ein Bett bräuchte?
Der Egoismus in der Gesellschaft hat zugenommen, radikal zugenommen.


Jeder schaut auf sich und auf seinen Vorteil. Man will sich nicht mehr einspannen lassen, über seine Zeit gänzlich selbst verfügen, keine Erwartungen von Außen spüren und keinem Druck unterliegen. Freiheit, Selbstbestimmung, Flexibilität und Spontaneität, all diese Werte sind heute vorrangiger denn je.


Früher konnte sich eine Gesellschaft solch egoistisches und ich-bezogenes Verhalten überhaupt nicht leisten. Man musste zusammenhalten, um zu überleben. Man musste sich gegenseitig unterstützen und aushelfen, sonst wäre es einfach nicht gegangen. Man hat auch nicht in Frage gestellt, ob man den Nachbarn nun besonders mag oder nicht, man hat eben gemacht, was notwendig war.
Auch heute erlebe ich das noch in Ägypten.
Wer am Tage was verdient hat, kauft Essen und teilt es am Abend mit Freunden und Familie. Ein Topf, ein Löffel, ein Kreis von Menschen, die auf dem Boden sitzen und essen. Und morgen, wenn der andere was verdient hat, dann kauft der ein. Alles andere wäre für ganz viele Menschen dort der Untergang. Die Hilfsbereitschaft, die ursprünglich der Not entsprungen ist, wurde zur inneren Haltung. Man muss niemanden zu seinem abendlichen Topf hinzu bitten, sondern man möchte es dort so. Man ist stolz, wenn man etwas hat, was man teilen kann und empfindet Freude dabei.


What a difference!


Es ist nicht alles Gold, was glänzt, auch in Ägypten nicht. Das ist schon klar und das will ich damit auch nicht sagen. Aber – nur weil wir heut alle für uns selber sorgen können, weil wir keinen anderen mehr brauchen und weil wir opportunistisch und gar narzisstisch durchs Leben gehen können, müssen wir das ja nicht zwingend tun, oder?
Wir können uns täglich neu entscheiden, ob wir Verpflichtungen, die wir eingegangen sind, auch einhalten wollen, selbst wenn diese mal anstrengend sind.


Ob wir jemand Anderem etwas Gutes tun wollen, obwohl wir nicht wissen, ob wir es zurück bekommen. Und wir können dankbar sein und diese Dankbarkeit auch zeigen. Wir müssen Menschen nicht aus unserem Leben entlassen, weil wir aktuell nichts mehr von ihnen brauchen. Wir dürfen uns auch erinnern, wie wertvoll sie uns einst waren und müssen nicht auf den Köpfen anderer emporsteigen.


Ich habe häufig den Eindruck, dass man nur noch dort zugreift, wo es was zu holen gibt, einen Vorteil, einen Gewinn. Stellt der Andere das nicht mehr für mich dar, kann er weg. Vielleicht versucht man noch ein bisschen Anstand an den Tag zu legen, aber im Grunde ist der Blick schon auf die nächste Zielperson gerichtet, die mir den nächsten Vorteil bringen kann.


Wir kennen dieses Verhalten von Emporkömmlingen aus der Business-Welt. Menschen mit Ellenbogen, die nach oben wollen, die über Leichen gehen und nur das eigene Fortkommen im Blick haben. Wen sie auf diesem Weg in den Abgrund stoßen, verletzen oder auch einfach nur rücksichtslos behandeln, das spielt keine Rolle, solange es für sie persönlich immer schön bergauf geht.


Das ist nicht nur traurig, sondern für mich auch charakterlos. Meine Devise lautet: Morgen kannst du auf der anderen Seite stehen – denk immer daran! Behandle dein Gegenüber stets so, dass du morgen auch an seiner Stelle stehen könntest. Gelingt das immer? Sicherlich nicht, aber es kann dennoch lohnenswert sein, es immer wieder anzustreben!


Und was ist mit den Menschen, die unfreiwillig alleine sind?


Die vielleicht ihr Leben lang in einem Familienverbund verbracht haben und nun alleine zurück bleiben. Getrennt vom Partner, die Kinder weit weg – mit ihrem eigenen Leben beschäftigt und keine Lust, sich zu kümmern? Die sich nicht ausbremsen lassen wollen, indem sie ihre alte Mutter besuchen, die heute nicht mehr mithalten kann?
Allzu leicht spricht man sich heute frei von Verpflichtungen. Man überlegt sich ständig neu, ob man sich irgendwo einbringt, Werte verfallen und ganz oben steht das Ego. Wir können es uns leisten, unsere Gesellschaft ist darauf ausgelegt, man hat es nicht mehr nötig, seine Zeit in Beziehungen zu investieren, in Freundschaften oder auch in Familienmitglieder, die „einem nichts mehr bringen!“ Dieser Denkansatz ist fatal. „Wer bringt mir was und wie lange? Und wenn er mir nichts mehr bringt, dann kann er weg?“


Auf diese Tour kann man reisen, wie immer, bezahlt man aber auch den Preis dafür. Vielleicht ist dann auch niemand da, wenn man selbst krank und bedürftig wird, vielleicht ist man auch dann einsam, wenn man immer nur gegeben hat, um zurückzubekommen und vielleicht ist man im Kern ganz einsam, weil man nie verstanden hat, dass es zutiefst beglückend und befriedigend sein kann, für andere da zu sein.


Wir haben es verlernt, in unserer vom Ego getriebenen Gesellschaft, nach den Menschen zu schauen, die uns nichts bringen. Da liegen Tote wochenlang in ihren Wohnungen und keiner bemerkt sie, da sitzt eine Oma alleine an Ostern daheim und bekommt keinen Besuch, da sind die jungen Leute, die unverbindlich und nur noch temporär befreundet sind, oberflächlich und schnell weg, wenn es unbequem wird.


Einsamkeit macht auf Dauer krank.


Freiwillig alleine sein ist etwas ganz anderes – das kann sehr fein sein. Einsamkeit ist unfreiwillig, sie stürzt Menschen in Not und Verzweiflung, sie ist eine herbe Zurückweisung und eine Ausgrenzung. Dieser Mensch gehört nicht mehr dazu. Vielleicht ist er nicht mehr so leistungsfähig, nicht mehr so gesund, vielleicht war er früher ein richtiger Partyhengst, aber heut hat er Depressionen, ist gar nicht mehr lustig. Vielleicht hat er auch eine schwere Erkrankung oder ist in Trauer. Unsere Spaßgesellschaft will damit nichts zu tun haben. Nicht umsonst ist der Zulauf bei uns Therapeuten riesig. Nicht umsonst sind die Praxen überfüllt und die Wartezeiten verheerend. Was wäre, wenn es etwas mehr Menschlichkeit gäbe, etwas mehr Interesse am Nächsten, etwas mehr Nachsicht, Geduld und Güte? Wäre damit nicht schon manchmal viel geholfen?


Die Freiheit ist ein hohes Gut und ich selbst würde sie zu einem wichtigen Wert für mich zählen. Aber Freiheit um jeden Preis und jederzeit, das ist einfach die falsche Dosis. Es kann auch ein gutes Gefühl sein, gebraucht zu werden, jemandem seine Zeit zu schenken, jemanden in schwierigen Zeiten zu unterstützen und sein Leid zu teilen. Sich für einen anderen Menschen anzustrengen und selbst mal zurück zu nehmen.


Ganz sicher gibt es z. B. in Familien Mitglieder, die diese Güte nicht verdient haben. Die ihre Kinder so schändlich behandelt haben, dass diese heute nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen – aus gutem Grund. Und es gibt ausbeuterische Menschen, an die wir unsere Nächstenliebe nicht verschwenden sollten. Aber – und darum geht es mir – es gibt ganz bestimmt auch viele, viele andere, die enorm dankbar wären für ein bisschen Aufmerksamkeit von uns. Die so glücklich wären über ein paar freundliche Worte, ein wenig Wärme und gemeinsame Zeit. Und – wir müssen nicht den ersten Stein werfen, wer ist schon je ohne Fehler gewesen….


Die Fäden werden immer loser, das ist mein Eindruck von unserer heutigen Gesellschaft und ich würde mir sehr wünschen, dass gerade wir, die wir schwere und harte Zeiten hinter uns gebracht haben, uns daran erinnern, wie gut ein freundliches Wort tut, ein Telefonat, in dem wir nicht belehrt werden, sondern in dem wir uns zeigen dürfen, eine Atmosphäre, die einlädt zu verweilen und sich als willkommenen Mitmenschen zu fühlen. Das wünsche ich mir für uns alle. Mögen immer Menschen in deiner Umgebung sein, die dir dies anbieten und mögest auch du ein Mensch sein, der dies einem anderen schenkt.


Danke, dass du meine Gedanken aufgenommen, mir deine Zeit geschenkt hast. Und wenn diese Zeilen etwas in dir berührt haben, dann freue ich mich von Herzen. Für dich und für die Menschen, die du damit beglücken kannst. Wir können alle nicht genug Wohlwollen und Güte haben in diesen Zeiten.

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