November 5, 2021

Angelika Beck

„Ich hab so die Nase voll von den alten Programmierungen, die Leichtigkeit und Genuss verhindern!“ Wenn das auch für dich zutrifft, dann lies unbedingt weiter 🙂

Jeder von uns kennt doch Menschen, die irgendwie immer gut gelaunt sind. Die scheinbar kaum Krisen haben und keine schlechten Tage. Alles scheint ihnen zu gelingen und Hürden sind schnell überwunden. Man fragt sich ernsthaft, wie so etwas gehen kann. Haben diese Menschen in ihrem Leben einfach mehr Glück gehabt oder sind wir zu anspruchsvoll, verlangen zu viel und können deshalb einfach nie wirklich längerfristig glücklich sein?

Ziehen wir das LEIDEN also magnetisch an, verlieben uns immer wieder in die falschen Partner oder haben schwierige Kollegen? Warum hangeln wir uns von einer unglücklichen Lebensphase zur nächsten und warum haben wir einfach keine Begabung zum Glücklichsein?

Diese Frage ist tatsächlich sehr spannend und es lohnt sich, ihr auf die Spur zu kommen, sie zu ergründen und nach der Antwort zu forschen. Natürlich gibt es Schicksalsschläge von unterschiedlicher Schwere und Härte, wie wir aber mit ihnen umgehen, das hängt wiederum ganz von unserer Persönlichkeit und unserer Resilienz ab. Wie gut können wir schwierige Ereignisse abfedern, wie optimistisch bleiben wir trotz schlimmer Erfahrungen und wie gut können wir unsere Zufriedenheit halten?

Es gibt Menschen, die tatsächlich laufend Baustellen haben, die sie fast komplett vereinnahmen. Da ist die bescheuerte Kollegin im Job, dann der narzisstische Partner, die schwierige Mutter und das pubertierende Kind. Der Geldmangel und der laute Nachbar, das kaputte Auto und der ins Wasser gefallene Urlaub. Hat man da nicht allen Grund, unzufrieden zu sein, mit dem Schicksal zu hadern und sich bei Gott und der Welt zu beschweren? DOCH – das hat man! Die Frage ist nur, ob es einen weiterbringt, dieses Beschweren. Ob es zielführend ist und glücklicher macht.

Ich habe an mir selbst festgestellt, dass ich so meine Probleme damit habe, wenn Menschen EINFACH SO glücklich sind. Mit Leichtigkeit und unbeschwert durchs Leben gehen. Meine Prägung geht eher dahin, dass das Leben eine Bewältigung von Aufgaben und Herausforderungen ist, denen man sich stellen muss. Hat man eine davon überwunden, wartet schon die nächste. Unkompliziert, heiter und womöglich gedankenlos durch die Tage zu gehen, das ist mir fremd. In meiner Erziehung waren noch eher Disziplin, Fleiß, Durchhaltevermögen und Ehrgeiz gefragt. Wenn etwas leicht fiel, dann war es auch nicht viel wert. Man musste sich schon angestrengt haben für einen echten Erfolg. Was in den Schoß fiel, das war keine Errungenschaft, auf die man stolz sein konnte.

Mit dieser Grundhaltung braucht es ständig neue Anlässe, um ein Glücksgefühl zu erleben. Eine tolle Partnerschaft oder eine Beförderung bzw. Erfolge im Job, immer wieder Pläne fassen und Ziele stecken, deren erreichen dann den Selbstwert stärken und zufrieden machen. Einfach so das Leben genießen, das war regelrecht verpönt in meiner Generation. Habe ich nun einfach Pech gehabt und muss ich nun damit leben? Oder kann ich Einfluss nehmen – auch auf Prägungen, die schon Jahrzehnte zurückliegen?

Als Therapeutin mache ich immer wieder die Erfahrung, dass die Grundhaltung ganz wesentlich dazu beiträgt, wie wir mit Krisen fertig werden. Nun haben wir ja nur unsere eigene Biografie und wissen nicht, wie es sich anders anfühlen würde, wären wir mit anderen Prägungen aufgewachsen. Deshalb lohnt sich ein Blick nach rechts und links, um sich nicht völlig in der eigenen Spur zu verlieren. Als Orientierungshilfe können wir unsere Werte heranziehen und diese gnadenlos auf den Prüfstand stellen.

Ist Disziplin eine gute Eigenschaft? Ja – aber nicht, wenn ich ausschließlich und immer diszipliniert bin. Ich muss auch mal loslassen können und unvernünftig sein dürfen.

Ist denn Ehrgeiz eine wichtige Eigenschaft? Ja – aber nicht, wenn ich immer und ausschließlich ehrgeizig bin! Und ist denn Treue eine gute Eigenschaft? Ja, aber nicht, wenn ich an einem Partner festhalte, der mir schon seit Jahren nicht mehr guttut.

Wir sehen also, die Dosis macht das Gift, will heißen, einseitige, engstirnige und unflexible Verhaltensweisen machen uns zu Sklaven unserer selbst. Dann sind wir Opfer der inneren Antreiber, die uns eigentlich zu guten Zielen führen könnten und sollten. Dann haben wir das Prinzip nicht verstanden, weil wir nur noch in „entweder-oder“ denken und nicht mehr in „sowohl-als auch“!

Ich kann nämlich sowohl ehrgeizig sein, als auch meine bequemen Seiten haben. Und ich kann sowohl verantwortungsbewusst sein, als auch mich aus manchen Situationen herausnehmen. Ich muss nicht immer für alles gerade stehen und ich muss nicht bei einem Menschen bleiben, der mich dauerhaft schlecht behandelt. Es geht also im Grunde darum, immer wieder neu zu entscheiden, bis zu welchem Maß eine Eigenschaft hilfreich ist und ab wann sie uns das Leben erschwert und unsere Lebensfreude verhindert.

Meine Klienten berichten oft stolz, dass sie sehr empathisch und hilfsbereit sind. Das höre ich tatsächlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge bzw. Ohr, weil es auch zu viel des Guten sein kann. Wenn wir im Burnout landen, immer wieder in der Opferrolle und Überforderung stecken, dann haben wir unser eigenes Maß verloren. Werte sind eine enorm gute Richtschur im Leben. Sie geben uns Halt und Orientierung. ABER – sie können auch zu Scheuklappen werden und dazu führen, dass wir nur noch die Jahre herunterspulen, ohne wirklich zu leben.

Früher war man ein gutes Mädchen, wenn man brav war. Darauf würde ich heute im höchsten Maße pfeifen. Ich hab überhaupt keine Lust, brav zu sein und was heißt das eigentlich? Gehorsam, ohne eigenen Willen und Verstand, ohne Meinung und Persönlichkeit? Nein danke. Das kann doch getrost hinter uns liegen. Die früheren Erziehungsstile waren häufig geprägt von Angst und Gehorsam, egal ob es von den Eltern ausging oder von der Kirche beispielsweise. Das sind natürlich wirksame und einfache Methoden, jemanden gefügig zu machen. Das war schon in der Hitler-Zeit und der schwarzen Pädagogik so und deshalb wussten es diese Generationen einfach nicht besser. Man hatte ihnen das Rückgrat gebrochen, damit sie widerstandslos gehorchten und marschierten, in der Reihe, ohne Ausnahme und ohne zu fragen.

Das MUSS hinter uns liegen und es ist zwingend notwendig, dass wir unsere eigenen Werte für uns definieren und nach ihnen versuchen zu leben. Es darf keine Entschuldigung mehr sein, dass wir so oder so erzogen wurden bzw. die und die Schwierigkeit in der Kindheit hatten. Wir haben heute die Wahl, Verantwortung zu übernehmen und das bedeutet, Entscheidungen zu treffen, die verantwortungsbewusst und lebensbejahend sind. Für uns und für unsere Mitmenschen.

Verstecken wir uns nicht mehr hinter der Opfer-Fassade und gehen wir aktiv in den Schwung des Lebens. Wir haben nur dieses eine, zumindest soweit uns jetzt grade bewusst ist. Wenn wir es im Opferstatus und Leid verbringen, ist es ausschließlich zu unserem eigenen Schaden und wir sind die Einzigen, die den Preis dafür bezahlen. Wir haben es dann verschenkt, nicht genutzt, nicht wertgeschätzt und nichts draus gemacht.

Mit Narzissten im Umfeld können wir viele Jahre verlieren, bis wir an den Punkt kommen, die Zügel (wieder) selbst in die Hand zu nehmen. Aber wenn wir diese Erkenntnis einmal gewonnen haben, dann muss auch aktiv was passieren. Dann noch weitere Jahre oder Jahrzehnte in vollem Bewusstsein im Leid zu verharren, das ist geradezu masochistisch und unfair unseren Kindern gegenüber. „Kinder brauchen beide Elternteile“, das höre ich oft. Und ja, das stimmt im Normalfall auch. Aber bevor ein Kind einen toxischen Elternteil hat, hat es diesen vielleicht besser gar nicht. Oder ist ein schlagender Vater auch besser als gar keiner? Oder ein missbrauchender? Wohl kaum!

Worauf wir uns auch immer im Leben fokussieren, auf das Schöne oder auf das Schwere, wir werden in beiden Fällen fündig. Es gibt immer Beispiele für Elend und Beispiele für Glück und Erfüllung. Worauf willst du künftig deine Ausrichtung legen? Wie wäre es, am Ende des Lebens sagen zu können, ich habe was draus gemacht! Für mich und für andere. Ich war ein Gewinn und ich habe gewonnen. Ich habe vieles erlebt und mich und andere glücklich gemacht. Ich war verantwortungsvoll und ich habe das Leben getanzt. Ich bin am Ende satt und zufrieden! Mein Wunsch wäre das jedenfalls für meine letzten Tage. Vielleicht magst auch du dir mal Gedanken darüber machen, solange noch Zeit ist für einen Kurswechsel und einen neuen Lebensabschnitt!

Über Angelika

Angelika ist Heilpraktikerin der Psychotherapie und Expertin für Narzissmus. Seit Jahren hilft sie Betroffenen aus der Narzissmus -Falle.

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