Ohne Opfer keine Täter!

Ohne Opfer keine Täter!

Diese These mag für einige von euch provokant klingen. Schließlich werden wir nicht freiwillig zum Opfer oder fühlen uns wohl in dieser Rolle. Wir wären ja auch lieber glücklich und zufrieden, aber wenn der Partner ein Narzisst ist, tja, dann ist das nicht so einfach.

Spreche ich dir damit aus der Seele? Fühlst du dich in diesen Worten erkannt? Dann möchte ich dich einladen auf eine Gedankenreise, die durchaus spannend werden könnte für dich:

Opfer sind unschuldig und Täter sind schuldig. Oder: Opfer, das sind die Guten und die Täter folglich die Bösen. Zugegeben, es ist sehr vereinfacht dargestellt, aber ist da nicht auch was Wahres dran? Wir als Opfer sind bemitleidenswert, wir sind hilflos und schwach, wir kämpfen uns durch jeden Tag und haben nicht verdient, was uns widerfährt! Der Täter hingegen ist ein „Schwein“, ein Manipulator und Tyrann vor dem Herrn. Wenn wir über ihn sprechen, lassen wir kein gutes Haar an ihm. Uns fallen tausend Beispiele ein, wo er uns schikaniert, bloßgestellt, abgewertet, kalt gestellt, angeschrien und betrogen hat. Für seine guten Seiten fallen uns meist viel weniger Beispiele ein. Und wenn, dann stammen sie fast alle ausschließlich aus der Anfangszeit der Beziehung.

Wenn ich Klienten frage, warum sie sich nicht aus dem Opferstatus befreien, dann sagen mir viele: „Weil ich ihn doch so liebe!“ Frage ich dann genauer nach, was sie denn an ihm so lieben, dann wird es meist erstmal sehr ruhig. Langsam fangen die Betroffenen dann an, von der Anfangszeit zu schwärmen und erzählen, was sie sich alles mit ihm erhofft hatten. Was er ihnen alles versprochen hatte, wie liebevoll, zugewandt, zärtlich und aufmerksam der Narzisst anfangs war. Und selbst wenn das schon Jahre zurückliegt und all die anderen Erfahrungen mit diesem Menschen über die ganze Strecke deutlich negativer sind, bleiben die Opfer emotional in dieser Zeit hängen. Sie zehren von der Vergangenheit und leben für die Zukunft!

Sie sind oft gut im Verdrängen, im Aushalten und Einstecken. Viele von ihnen haben es in der Kindheit nicht anders gelernt und/oder bei der Mutter oder dem Vater nicht anders erlebt. Einer der Elternteile war dominant, gewalttätig, jähzornig, passiv-aggressiv, manipulativ, egozentrisch (ergo der Täter) und der andere Elternteil war entsprechend unterwürfig, angepasst, leidend, rücksichtsvoll, aufopfernd (ergo das Opfer). In diesen zwei Kategorien haben wir vielleicht schon als Kinder gelernt zu denken, wenn wir in einer Familie mit großem Machtgefälle aufgewachsen sind.

Vielleicht gilt dieser Hintergrund ja auch für den Täter? Vielleicht ist er auch so groß geworden, nur dass er sich unbewusst dafür entschieden hat, nicht mehr zum Opfer zu werden, sondern lieber auf die Täterseite zu wechseln? Nach dem Motto: „Bevor mich nochmal einer schlägt, schlage ich zu!“ Wäre eine solche Haltung nicht auch verständlich?

Was ich damit NICHT zum Ausdruck bringen möchte, ist, dass man als Opfer selber schuld ist und womöglich den Täter in Schutz nehmen. Nein, ganz bestimmt nicht. Wozu ich dennoch gerne aufrufen möchte, ist, vielleicht geht es gar nicht um schuldig und nicht-schuldig, vielleicht geht es gar nicht darum, Klassifizierungen zu finden und sich so in einen Status zu begeben. Wenn wir aufhören in Macht und Ohnmacht zu denken, in „ich bin richtig und er ist falsch“ oder in „wenn er sich ändert, dann bin ich wieder glücklich“, dann könnten wir ja ohne Bewertung zu der Ansicht (oder sogar Einsicht) gelangen, dass wir beide – also der Narzisst und ich – nicht zusammenpassen! Dann könnten wir auch darüber nachdenken, dass nicht er als Täter der starke ist und ich als Opfer die schwache. Sondern dass wir unterschiedliche Vorstellung von Lebensführung, von Beziehungsgestaltung, von Erziehung und noch anderen Werten haben.

Never change a running system! Aber ein System, das doch schon lange überhaupt nicht mehr funktioniert, das sollten wir doch ändern, oder? Ich möchte aufrufen zum Ablegen der Opferrolle! Vielleicht seid ihr in eine Familie hineingeboren, in der ihr es schwer hattet. Vielleicht hattet ihr süchtige und gewalttätige Eltern und vielleicht wart ihr tatsächlich Opfer in eurer Ursprungsfamilie! Aber heute seid ihr es nicht mehr, nicht mehr zwangsläufig! Heute gibt es Alternativen zur toxischen Beziehung, heute gibt es Auswege aus einem desaströsen Familienleben und heute gibt es Hilfsmaßnahmen für Menschen in Not. Ich möchte dir klarmachen, dass nicht „EINMAL OPFER IMMER OPFER“ gilt, dass wir alte Strukturen hinter uns lassen können und neue erlernen. Nur weil damals niemand kam und uns als Kind zur Seite stand, muss das heute nicht so sein. Solange du Opfer bleibst, hältst du das Täter-Opfer-System am Laufen. Wenn du kein Opfer mehr bist, dann kann dein Gegenüber kein Täter mehr sein!

Warte nicht darauf, dass der Narzisst aufhört, Täter zu sein. er hatte seine eigene Geschichte und vielleicht braucht er seine Projektionen und Abwehrmechanismen, um seine alten Wunden zu kaschieren. Vielleicht braucht er ein Ventil für seine alte Wut, nur DU musst dieses Ventil nicht sein!

Ohne Opfer kein Täter! Beende diesen circulus vitiosus jetzt! Beende Kontakte sogar dann, wenn mehrere Täter in deinem Umfeld sind (Vater, Mutter, Partner, Kind, Geschwister, Chef, Nachbarn, Schwiegermütter….) what ever! Indem du deine Opferrolle ablegst, steigst du aus dem Ring. Zum Kämpfen braucht es immer zwei. Zum Aufhören reicht einer, der den Ring verlässt. Erwachsen, bewusst und wenn es sein muss, auch mit professioneller Hilfe. Oder wie Winston Churchill zu sagen pflegte: „Sei gütig, aber entschlossen!! Und ich möchte noch ergänzen: „Mach es jetzt!“

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