Wie wurde ich zum Co-Narzissten?

Wie wurde ich zum Co-Narzissten?

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich hatte mir damals – in meiner Beziehung mit dem Narzissten – immer wieder die Frage gestellt, wie es überhaupt so weit hatte kommen können. Warum war ich mit einem Mann zusammen, an dem ich im Grunde kein gutes Haar ließ und warum war ich so gefangen in dieser Geschichte, dass ich kaum einen anderen Gedanken zulassen konnte?

Mein Glück im Unglück war in dieser Zeit, dass ich mich mit meiner Kollegin und Freundin praktisch täglich darüber austauschen konnte. Sie hatte keine rosarote Brille auf und sah die Dinge nüchtern. Noch heute erinnere ich mich an eine Frage von ihr, die lautete: „Was willst du denn von diesem Mann, der dich so abwertend behandelt? Warum gehst du immer wieder zu ihm zurück?“ Auch an meine Antwort erinnere ich mich noch gut. Es war eine Antwort, die meinem inneren Kind entsprungen war, denn ich habe sie mit der Stimme einer 8-Jährigen hervorgebracht: „Ich will doch nur noch einmal schmusen!“ Die Reaktion meiner Freundin war daraufhin: „Dafür zahlst du aber einen hohen Preis, und das weißt du auch!“ Jepp, das wusste ich und genau in diesem Beispiel ist der ganze Irrsinn komprimiert zusammengefasst. Eine Stunde schmusen für einen Monat Leiden!

Dabei war ich durchaus selbstbewusst und hatte eine starke Durchsetzungskraft. Ich ließ mich nicht für dumm verkaufen, stand meine Frau in Beruf und Familie, nur in der Beziehung mit diesem Menschen, da schien ich mich völlig verloren zu haben. Und – es konnte nicht sein, was nicht sein durfte! Ich wollte es partout mit ihm hinkriegen. Links und rechts sah ich keine Alternativen mehr, mein Fokus war ganz und gar auf ihn gerichtet. Praktisch so, als wäre er der einzige Mann auf der Welt. Ich hatte mich festgebissen und er hatte meinen Ehrgeiz geweckt, meine Motivation, ihm zu zeigen, wie schön eine Beziehung auf Augenhöhe sein konnte. Ich wollte ihn entlohnen für all die schlimmen Dinge, die ihm in der Kindheit widerfahren waren, ich wollte geduldig mit ihm sein und mich selbst nicht so wichtig nehmen. Dass ich dabei war, mich selbst völlig zu verlieren, das war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Aber ich sollte es bald erfahren!

Auch bei meinen KlientInnen erlebe ich diesen Vorgang immer und immer wieder. Es sind phantastische Frauen oder Männer, stark und belastbar, häufig erfolgreich, lebendig, kreativ, hingebungsvoll und empathisch. Sie haben zumeist schon viel gestemmt in ihrem Leben, Häuser gebaut, Kinder alleine groß gezogen, nach den Finanzen geschaut, Angehörige gepflegt, kurzum: Sie waren durchaus KEIN Häufchen Elend zu Beginn der narzisstischen Beziehung. Ausnahmen hiervon bilden Menschen, die sich nach einem Schicksalsschlag oder einer schwierigen Trennung vom Narzissten haben „aufgabeln“ lassen. Sie geraten so leider vom Regen in die Traufe!

Wie kommt es also dazu, dass lebenstüchtige und patente Menschen durch einen Partner derart „zerlegt“ werden? Warum gibt es kein Halten mehr, wenn der Narzisst einen erstmal auf dem Schirm hat und warum reichen wir dem Narzissten den kleinen Finger und wehren uns nicht, wenn er uns gleich den ganzen Arm abreißt?

Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass es im Grunde immer 3 Aspekte sind, die hierbei zusammenkommen. Einmal geht es um das Anfangsgefühl, mit dem der Narzisst einen ködert. Um die Bedürfnisbefriedigung, die er perfekt erfüllt. Das ist der Klebstoff, der uns wie ein Klettverschluss mit ihm verbindet. Noch nie hatten wir uns zuvor so wertgeschätzt gefühlt, oder noch nie so phantastischen Sex erlebt. Noch nie das Gefühl der Zugehörigkeit so verspürt, niemals zuvor wurden wir so auf Händen getragen, hatten endlich eine starke Schulter zum Anlehnen, wurden mit Fürsorge überschüttet, mit Aufmerksamkeit und den schönsten Zukunftsfantasien. Die Passung schien anfangs so perfekt, dass wir dieser Illusion noch monate-, jahre- oder gar jahrzehntelang nachhängen.

 

 

 

Der zweite Aspekt liegt in der Dynamik solcher Verbindungen. Wir lassen uns viel zu schnell viel zu sehr auf den anderen ein – den wir zu Anfang ja noch gar nicht wirklich kennen. Er steht für all unsere Defizite, die vielleicht die Eltern hinterlassen haben und er scheint ein echter Märchenprinz zu sein, mit dem alles gelingen kann und wird. Der abrupte Wechsel, der unweigerlich stattfindet bei einem Narzissten, also die Seite des Rückzugs, der Bestrafung, der Entwertung, der Empathielosigkeit, der psychischen und physischen Gewalt, dieser Wechsel findet so überraschend, blitzartig und (anfangs) auch nur kurz statt, dass wir ihn trotz unseres schlechten Bauchgefühls übergehen. Mit dieser Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie kocht der Narzisst uns langsam weich. Immerhin wären wir mit keinem Partner zusammen, der uns von Anfang an und durchgängig schlecht behandelt. Das wäre uns schnell klar, dass wir da nicht gut aufgehoben sind. Und mit einem Partner, der dauerhaft zugewandt und liebevoll ist, hätten wir ja gar kein Problem! Also, es ist dieser krasse Wechsel im Verhalten des Narzissten, der uns zunehmend verunsichert. Zumal er uns ja die Schuld dafür gibt, dass er uns so behandeln muss.

Der dritte Aspekt heißt: Hoffnung! Wie können wir sicher sein, dass er nicht doch noch zur Besinnung kommt, dass er all seine Versprechen nicht doch noch wahr macht. Womöglich geben wir zu früh auf und mit der nächsten Frau wird er dann glücklich? So arbeiten wir an uns, stellen unser Verhalten infrage, zweifeln an unseren Gefühlen, vielleicht sind wir doch zu empfindlich…. Ich versichere dir, die Vorwürfe, die der Narzisst dir macht, die hast du zuvor schon mal in deinem Leben gehört. Zumeist von Mutter und/oder Vater! Am Anfang der Beziehung hört der Narzisst ja sehr viel zu. Diese vermeintliche Aufmerksamkeit dient ihm dazu, seine Waffenkammer auszustatten. Was wir ihm anvertrauen, was wir ihm in einer schwachen Stunde mitteilen, das wird er später gegen uns verwenden. Ein Narzisst schlägt erst zu, wenn seine Waffenkammer gut genug bestückt ist. So sind wir zwar den Vorwürfen des Elternhauses entkommen, aber unbewusst haben wir uns die Themen über den Partner doch wieder ins Haus geholt. Und daraus ziehen wir dann die falschen Schlüsse: Nämlich, dass da was dran sein muss! Wenn schon die Mutter immer sagte, man sei zu empfindlich und der Narzisst beklagt das nun auch, dann muss da was dran sein.

 

Diese dritte Komponente, nämlich unsere unfassbare Anpassungsfähigkeit, die sorgt dafür, dass die Beziehung am Leben erhalten wird. Wir versuchen es auf hunderterlei Arten, die Beziehung harmonisch zu gestalten – später geben wir uns dann damit zufrieden, dass es nicht ganz so schlimm ist mit ihm, aber wir versäumen darüber den Punkt, an dem wir nicht mehr wir selber sind. Ein Kreislauf aus Hoffnung, Schuldgefühlen, Trennungsabsichten, Schwäche, Krankheit, Energieverlust, Traurigkeit…und doch wieder Hoffnung…hat begonnen.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mir damals dachte: „Wenn ich da jemals rausfinden will, dann ist das ein echter Gewaltakt! Dann dauert das ewig und wird extrem schwer!“ Dem sah ich mich aber gar nicht gewachsen. Also war es dann nicht besser zu bleiben und kleine Portionen Schmerz zu erleiden, als die ganz große Home, die riesige Pein zu wählen? Da kommt dankenswerterweise wieder meine Kollegin ins Spiel, die wieder und wieder mit mir reflektierte, dass hinter dieser Bombe, hinter dem Gewaltakt auch die große Freiheit auf mich wartete. Die Erlösung, die Ruhe, die Heilung, die Authentizität! Dies half mir, die Reißleine zu ziehen, auch wenn ich an dem Punkt noch keine Ahnung hatte, wie ich  das schaffen sollte. Ich kannte nicht den Weg, aber ich kannte dann das Ziel. Nämlich, dass ich da raus wollte. Dass ich meine Talente vergeudete, dass ich meine Liebe verschleuderte und mein Potenzial brach lag. Ich war ein Schatten meiner Selbst und das ist sicher kein Indiz für Liebe und schon gar nicht der Sinn des Lebens.

Mit Hilfe einer Therapeutin fand ich den Weg heraus. Leider war diese nicht auf Narzissmus spezialisiert und im Grunde hab ich mich irgendwann am eigenen Schopf gepackt, aber die Gespräche taten mir nichtsdestoweniger gut. Damals stellte ich exakt das fest, was mir heute viele „Opfer“ zutragen: Es gibt kein Konzept für die Befreiung, es gibt nur wenige Therapeuten, die sich wirklich gut mit Narzissmus auskennen und es gibt keine Termine. Dieser Umstand hatte mich deshalb vor vielen Jahren ermutigt, ein Konzept auf die Beine zu stellen, Narzissmus zu meinem Praxisschwerpunkt zu machen und mich fortan mit voller Kraft für diese Opfer einzusetzen. „Aus all dem Schlechten mach` ich etwas Gutes!“, das hatte ich mir damals geschworen und so kann ich dir und euch heute sagen: „Fass dir ein Herz und geh es an. Mach deinem Leiden ein Ende UND es ist keine Schande, es nicht alleine zu schaffen!“ Ich kann mich noch gut an das Gefühl der Angst erinnern, der Angst vor dem Beziehungsende und dass ich es nicht aushalten würde. ABER: DIE KLARHEIT KOMMT AUF DEM WEG! Und, es ist nicht deine Aufgabe, zu wissen, wie dieser Weg aussieht und wie du an dein Ziel kommst. Das ist die Aufgabe des Therapeuten. Gemeinsam erörtert man eine Perspektive, auf die man zuarbeitet und der Prozess selbst obliegt dem Fachmann/-frau! Also, es ist nur ein kleiner Schritt für dich, nämlich der, dir Hilfe zu holen, wenn du feststeckst. Von all meinen KlientInnen und auch von mir selbst kann ich voller Überzeugung sagen: „Es gibt ein Leben NACH dem Narzissten! Und dies ist meist sogar besser als das Leben davor war! NUR MUT! Ich reiche dir die Hand – ergreifen darfst du sie selbst!

  • Liebe Frau Beck,
    sie schreiben mir aus der Seele! Genau so ist es: Es gibt ein Leben nach dem Narzissten und es ist um Längen besser in jeglicher Hinsicht! Ich habe schon in der Kindheit unter meiner Narzisstischen Mutter gelitten, das aber auch erst vor 3 Jahren wirklich realisiert, und danach 13 Jahre eine Ehe mit einem Narzissten geführt. Danach war ich absolut leer und ausgepowert. Es ging nichts mehr, als wäre ich leergepumpt. Inzwischen muss ich sagen: Mein Leben „danach“ ist so viel besser! Ich habe an mir gearbeitet und das große Glück gehabt eine Therapeutin zu haben die sich mit Narzissmus auskennt. Inzwischen habe ich die erlernten negativen Muster abgelegt und vertraue wieder auf mein Bauchgefühl. Es ist schwer nach einer toxischen Beziehung wieder zu genesen,aber es lohnt sich!

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